Page 5 - Die Ausbeutung, ihre Ursachen und ihre Bekämpfung
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Die Ausbeutung ist nach dieser Theorie ein Produkt gewaltsamer Eingriffe
in die natürliche, von selbst sich ergebende Ordnung der Wirtschaft. Mit
der Beseitigung dieser Eingriffe muss auch die Ausbeutung fallen.
Auf der einen Seite also Staat, Gesetz, auch Zwang, auf der anderen das
gerade Gegenteil: Freiheit, in Neuland, in noch nicht erlebte, vollkommen
neue Verhältnisse. Dort führt der Weg rechts in den Kommunismus
hinein, also zurück, dorthin, woher wir gekommen sind, hier umgekehrt
führt der Weg links ab, aus dem Hohlweg des Kapitalismus in die Freiheit.
Nicht Ausbau des Staates, sondern Abbau.
Aber beide Systeme beanspruchen für sich die Kraft, das Hauptziel des
Sozialismus, die Beseitigung der Ausbeutung, restlos zu verwirklichen.
Dass mit dem Kommunismus, mit der Abschaffung des Privateigentums
die Ausbeutung gründlich erledigt ist, haben wir in Russland jetzt auf
breiter Grundlage erfahren können. Die Ausbeuter sind tatsächlich alle
verhungert und ausgestorben. Das Hauptziel des Sozialismus hat Lenin
tatsächlich erreicht. Aber, aber: die Russen scheinen das Erreichte teuer
erkauft zu haben, so teuer, dass manche die glücklichen Zeiten der
kapitalistischen Ausbeuter wieder zurückverlangen!
Mit der freien Wirtschaft, die ich hier dem Kommunismus gegen-
überstelle, wird die Ausbeutung nicht durch höhere Gewalt beseitigt,
abgeschafft. Dass sie verschwinden wird, dafür muss allein die Logik der
der freiwirtschaftlichen Theorie zugrunde gelegten Tatsachen einstehen.
Was uns nun interessiert, das ist die Frage, welche von beiden hier zur
Erörterung gestellten Ausbeutungstheorien falsch ist. Wohlverstanden, es
handelt sich nicht darum, welche der beiden Theorien wir wählen sollen,
um ein uns gestecktes, als erstrebenswert erscheinendes Ziel wissen-
schaftlich zu schmücken, sondern unabhängig von allen persönlichen
Wünschen und Neigungen, das an sich Richtige festzustellen. Über die
wahre Ursache der Ausbeutung wollen wir uns klar werden und unsere
Kenntnisse in einem Lehrsatz formulieren. Ob diese Erkenntnis uns
zunächst süß oder bitter schmecken wird, steht hier nicht in Frage. Die
Wahrheit soll ans Licht gezogen werden. Mehr nicht. Was mit der
erkannten Wahrheit dann gemacht werden kann oder soll, darüber
werde ich weiterhin reden.
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